Zeit für Kinder

Alarm! Unsere Kinder brauchen Zeit, Beziehungen und Modelle
Die Doppelberufstätigkeit von Mutter und Vater bei fehlenden Kita-Tagesstätten hat die größte Verwahrlosungsepidemie aller Zeiten hervorgerufen. Wenn sich niemand um die Kinder kümmert, werden sie schwierig und kommen auf dumme Gedanken. Wenn Kinder Probleme machen, rufen sie nach Hilfe, Beziehung und Betreuung. Unser Gesellschaftsmodell zwingt die Mütter in Billigjobs mit schlechtem Einkommen, von dem sie die nötige Ganztagsbetreuung der Kinder nicht zahlen können, wenn es sie überhaupt vor Ort gibt. In der Schule wird dann mit teuren Therapien herumgedoktert, die das Problem nicht lösen.
Es ist Zeit für eine Schubumkehr: Bezahlte Elternzeit für Mütter und/oder Väter, wahlweise von einem Elternteil oder von Tagesmüttern/Ganztageskitas auszuüben. Dann verschwindet die Problemkinderepidemie und die Lehrer können sich wieder aufs Unterrichten konzentrieren.

Familie im Sonnenuntergang

„Füttern Sie Ihr Kind alle vier Stunden, pünktlich auf die Minute. Dann legen Sie es vier Stunden in sein Bett und achten nicht auf sein Schreien. So erziehen Sie Ihr Kind zu einem ordentlichen und pünktlichen Menschen, beugen der Verwöhnung vor.“

Nach dieser Theorie, die im Lehrbuch eines gewissen Herrn Oswald Kroh stand,  sollte meine Mutter uns als Säuglinge erziehen. Gott sei Dank hat sie sich nicht daran gehalten. Denn sonst wären meine Brüder und ich heute schwerst depressiv.

So ein Blödsinn kann nur einem Mann einfallen, der nie ein Kind getragen hat. Vorsitzender der nationalsozialistischen Psychologen zu sein, mag dabei helfen. Dennoch beeinflusste dieser Mann eine ganze Generation von Müttern.

Gott sei Dank brachten es die meisten nicht übers Herz, ihr Kind vier Stunden lang allein zu lassen, denn dies widerspricht allen mütterlichen Instinkten. Auch wenn der Verstand ihnen ein schlechtes Gewissen machte, das Schreien des Kindes brachte die Mütter dazu, das Kind in den Arm zu nehmen, zu herzen und zu schaukeln. So hält sich die Zahl gestörter Erwachsener  meiner Generation in Grenzen.

Der Mensch ist ein Tragling. Der Säugling will getragen werden, muss die Anwesenheit seiner Mutter spüren, um sich sicher zu fühlen. Dann entwickelt er das Urvertrauen, geliebt und geborgen zu sein.

Heute wissen wir, dass man einen Säugling gar nicht verwöhnen kann. Je mehr man ihn liebt und betreut, desto mehr kann er ein Leben lang von der Substanz der Mutterliebe zehren. Ordnung und Pünktlichkeit sind schon wichtig, aber das kommt später.

Krohs Theorie und ähnlich Ansichten einer kruden Pädagogik richteten aber doch unermesslichen Schaden an – bei Müttern, die sich mit der Liebe ohnehin schwer taten. Wer sein Kind nicht lieben kann, der tut sich leicht, es stundenlang schreien zu lassen. Und der gescheite Herr Doktor gibt ihm/ihr noch recht. Abhärtung ist das halbe Leben und damit kann man nicht früh genug beginnen.

Ein bisschen Abhärtung kann ja sein und das Kind stirbt nicht gleich, wenn es nicht ständig bei der Mutter ist. Babysitter, Väter, Omas, Tagesmütter – alle können ein Kind beaufsichtigen, Hauptsache sie tun es.

Es ist nicht entscheidend, wer einen Säugling betreut, sondern dass er betreut wird.  Zuwendung ist der Stoff aus dem die Kinderträume sind. Zuwendung ist die Nahrung, durch welche die Seele wächst.

Ohne Nahrung verhungert der Mensch. Hungernde Kinder aus Afrika schockieren uns. Der Tod schaut ihnen aus den Augen.

In Europa verhungert niemand mehr – körperlich. Hier geht nur die Seele ein. Unsere ausgezehrten Kinder sterben seelisch. Wenn man gestörte Menschen untersucht, findet man meist eine Ursache – den Hunger nach Liebe, die es nie gab.

Frühstörung nennen das die Psychiater – diese macht verrückt, depressiv, psychopathisch. In den Lehrbüchern wird das kompliziert umschrieben und ist doch so einfach – fehlende Elternliebe macht krank.

Am schlimmsten ist es, wenn man keine Mutter hat.

Es gibt viele Arten, seine Mutter zu verlieren. Sie kann bei der Geburt versterben, im Wochenbett oder an Krebs. Man kann der Mutter weggenommen werden, da sie angeblich unfähig ist, Mutter zu sein. Diktatoren steckten Kinder in Heime, um sich willfährige Schergen zu züchten. Mütter werden im Krieg getötet, damit Kinder Soldaten werden. Die Mutter kann so vom Leben zerstört sein, dass sie vergisst, wie man Mutter ist. Natürlich könnten die Väter einspringen, wenn die Mütter ausfallen – aber wie viele  Väter  tun das schon?

Wer seine Mutter verliert, ist mutterseelenallein. Waisenkinder haben es schwer, wenn sie nicht eine neue Mutter finden.

Alleingelassene Kinder tun alles, um endlich geliebt zu werden.  Sie schreien, toben, machen auf alle erdenkliche Arten auf sich aufmerksam. Nur versteht das niemand. Problemkinder nennt man sie in einer Welt, in der Liebe nicht zählt, da man sich darum nichts kaufen kann. Später wird man alles tun, um sich Liebe zu erkaufen, aber das klappt nun mal nicht.

Wenn Sie ein verstörtes, verhungertes Kind in die Finger kriegen, probieren Sie es mit Liebe, Zeit und Zuwendung. Wenn Sie nicht gleich aufgeben, können Sie Wunder bewirken. Das Kind wird testen, ob Sie es ernst meinen und anfangs schlimm bleiben. Es will ja nicht eine weitere Enttäuschung riskieren, rechnet damit, dass es wieder fallen gelassen wird. Wenn Sie aber nicht aufhören, dem Kind Zeit und Zuwendung zu geben, dann wird es ihnen zulaufen wie ein verirrtes Lämmchen. Es wird sich an Sie schmiegen und Ihnen alle Liebe doppelt zurückgeben.

Kinder werden lästig, wenn man sich nicht mit ihnen beschäftigt. Die Heilung schwieriger Kinder ist demnach einfach.  Man muss sich nur Zeit für sie nehmen, dann werden sie wieder lieb.

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