Wie Erziehung gelingt…

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr: Wer möchte nicht in einer glücklichen Familie leben? Viele betrachten die Familie als das Wichtigste im Leben. Von ihr wird erwartet, dass sie geprägt ist von liebevollem Umgang miteinander. Den heranwachsenden Kindern soll die Familie Schutz, Geborgenheit und Sicherheit bieten. Doch die Familie ist nicht ohne weiteres eine heile Welt. Das Miteinander muss gepflegt und Konflikte müssen gelöst werden. Die Erziehung der Kinder braucht Zeit, starke Nerven und Geduld. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, muss man wissen worauf man achten soll und was glückliche Beziehungen in den Familien fördert.

Mutter Tochter Erziehung

Kaum ist das Kind auf der Welt, fällt die Verwandtschaft über die junge Mutter (und den jungen Vater) her: Das geht so, das musst du anders machen, du warst ja auch so ein schwieriges Kind, du musst das Baby schreien lassen, sonst wird es verwöhnt, du musst das Kind tragen, sonst verliert es sein Urvertrauen, du musst ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, du musst es vier Stunden schlafen lassen und und und….

Die junge Mutter ist in einer hoffnungslos unterlegenen Position, denn sie macht ja alles zum ersten Mal, während die anderen Frauen mit vielen Jahren Mutterschaft punkten können, die eigene Mutter und die Schwiegermutter sogar mit Jahrzehnten. Also hat man vor vornherein unrecht, soll man brav folgen oder doch auf sein Herz und seinen Bauch hören?

Irgendwann kriegt man einen Schreikrampf und entdeckt das Zauberwort: „Shut up“

Haltet einmal alle den Mund und lasst mich machen!

Wenn man dann die ganze Verwandtschaft samt Freundinnen zur Tür hinauskomplimentiert hat, kann man endlich seine eigenen Erfahrungen machen, sich auf sein Kind einfühlen und einhören und spüren, was für dieses Kind und diese Mutter das Beste ist.

Das Beste ist nämlich in jeder Mutter-Kind-Beziehung etwas anderes und das kann jede Mutter nur selbst entdecken.

Bedürfnisse sind der Motor der Entwicklung. Bedürfnisse enthalten das Ziel, das wir erreichen wollen und die Motivation, dort auch hinzukommen. In jedem Alter braucht das Kind Anreize, um zu wachsen und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Es spürt, was es braucht, es schreit danach, signalisiert den Eltern, womit sie es fördern können. Werden die Bedürfnisse des Kindes ignoriert, wird es krank.

Was braucht ein Kind, um zu gedeihen? Ein hilfreiches Bild ist das des Gärtners, der für seine Pflanzen sorgt. Dieser kennt den richtigen Boden für jede Pflanzenart, die richtige Menge Wasser, Licht und Luft.

Jedes Kind braucht festen Boden unter den Füßen, in welchem es sich verwurzeln kann. Es benötigt klare Strukturen, an denen es sich orientieren kann. Es muss wissen, wo es hingehört, wer seine Eltern sind, woher es stammt. Kranke Kinder werden zu oft verpflanzt, wohnen mal bei den Großeltern, dann bei den Eltern, wandern von einem Pflegeplatz zum nächsten, werden von zu vielen Personen erzogen. So wie ein Baum eingeht, der zu oft entwurzelt wurde, so wird ein Kind krank, wenn es immer wieder aus dem Nest fliegt, weil sich die Familienstruktur durch Scheidung, Trennung, Übersiedlungen ständig ändert. Das Kind benötigt Grenzen, die ihm Sicherheit vermitteln. Wenn ein Kind bei verwöhnenden Großeltern aufwächst, kann es übergewichtig werden, weil die Oma ständig süße Sachen auf den Tisch stellt, oder schwierig, weil niemand Halt sagt. Einkoten ist ein Zeichen, dass ein Kind sich nach Richtlinien sehnt, wann und wo es sein Geschäft verrichten soll. Hysterische Schmerzzustände wurzeln darin, dass ein Kind in einer unberechenbaren Umwelt lebt, das äußere Chaos sich in seinem Körper spiegelt. Es wird ein unruhiges Kind, das seine Umgebung nervt.

Jedes Kind braucht Zuwendung. Kinder gehen ohne liebende Bezugsperson ein wie Primeln. Unerwünschte Kinder suchen ein Leben lang nach der Liebe, die sie nie bekommen – Ein Jugendlicher begeht einen Selbstmordversuch, unmotiviert, denn familiär und schulisch scheint alles in Ordnung. Seine Mutter lehnt ihn ab, da sie wegen seiner Schwangerschaft den ungeliebten Mann heiraten musste. Sie gibt dem Sohn die  Schuld an ihrer verpfuschten Ehe. So zieht dieser die Konsequenz. „Ich bin der Mama nur im Weg. Leichter hat sie es ohne mich. Ich hätte gleich bei meiner Geburt sterben sollen, also tu ich es jetzt.“

So wie  man eine Pflanze zu viel gießen kann und dann ihre Wurzeln verfaulen, kann man ein Kind auch mit zu viel Liebe erdrücken. Ein 13-jähriger kommt mit unklaren Kreislaufbeschwerden ins Spital. Er ist als einziger Sohn der Liebling seiner alleinstehenden Mutter und seiner verwitweten Großmutter, welche ihn so mit Fürsorge überhäufen, dass es  seinem Herzen zu viel wird. In der Therapie wird er aus dieser übergroßen Liebe herausgeführt, lernt, selbständig zu werden. Als er aus der mütterlichen Wohnung auszieht, verschwinden die Beschwerden.

Jedes Kind braucht Platz, um sich zu entfalten. Es braucht Freiräume, in denen es eigene Erfahrungen machen kann, ohne sofort von den Erwachsenen kritisiert zu werden. Es muss Fehler machen, Risiken eingehen, ohne Hilfe handeln können. Ein Kind lernt laufen, wenn es auch mal auf die Nase fällt und erlebt, dass dies kein Drama ist. Engt man seinen Freiraum zu sehr ein, wird es ängstlich. Asthma-Kindern fehlt buchstäblich die Luft zum Atmen, sie spüren ihr eingeengtes Leben körperlich –  Ein Bub wird mit massiven Angstzuständen zu mir gebracht. Die Eltern halten ihn am Gängelband, lassen ihn nicht auf die Straße,  reden auf ihn ein, was er tun soll und was nicht. Bei jedem Handlungsimpuls bekommt er Panik, etwas falsch zu machen. Wir trainieren seine Selbständigkeit und so wird er mutiger.

Man kann einem Kind auch zu viel Freiraum geben. Verwahrloste Kinder werden sich selbst überlassen, keiner kümmert sich, was sie den ganzen Tag so treiben. Sie lernen nicht, sich in eine Gemeinschaft einzufügen, werden zu Außenseitern, setzen simulierte Krankheiten ein, um Anforderungen auszuweichen – Ein Hauptschüler schwänzt die Schule, weil er angeblich schreckliche Bauchschmerzen hat. Medizinisch ist er völlig gesund. Ein Sozialarbeiter besucht die Eltern, um den Schulbesuch zu regeln, findet heraus, dass auch diese in Krankheiten flüchten, jede Arbeit verweigern, das Kind bei ihnen das Falsche lernt. Er bringt den Buben in einer therapeutischen Wohngemeinschaft unter, wo man ihm Arbeitshaltung und Zuverlässigkeit beibringt.

Jedes Kind braucht Vorbilder. So wie die Pflanze zum Licht wächst, so benötigt das Kind ein Leitbild, welches ihm Mut macht. Mädchen brauchen ein weibliches Vorbild, Buben ein männliches. Wenn der gleichgeschlechtliche Elternteil fehlt oder schwach ist, verweigert das Kind das Erwachsenwerden, hat nicht den Mut, sich ins Leben hinauszuwagen – Ein magersüchtiges Mädchen will nicht zur Frau heranwachsen, will nicht so werden wie seine Mutter, welche frustriert zu Hause sitzt, auf den Mann wartet, der selten kommt, ohne eigene Meinung, unglücklich, voller Angst vor jeder Veränderung. In dieser Familie führten Generationen von Frauen ein wenig erstrebenswertes Leben im Schatten der Männer. Wer will schon so eine Frau werden? Erst als das Mädchen weibliche Idole entdeckt, die ein tolles Leben haben, wird Frausein interessant und damit auch der eigene Körper.

Familie im Sonnenuntergang

Bei Buben wirkt sich die Abwesenheit der Väter in unserer „vaterlosen“ Gesellschaft aus. Wenn Väter sich nie um Söhne kümmern, durch Scheidung abhanden kommen, sich in die Arbeit flüchten, dann hinterlassen sie ein Vakuum. Wenn einem niemand auf die Schulter klopft („Gut so, mach weiter so, du schaffst es“), kann kein Vertrauen in die eigene Kraft entstehen. Depressionen, vegetative Dystonien, Hypochondrien haben ihre Wurzeln in der Mutlosigkeit, die abwesende Vorbilder hinterlassen. Schulphobien, Leistungsängste, Lehrstellenabbrüche – meist fehlt der stützende Vater. Auch hier gibt es ein Zuviel, wenn das Vorbild perfekt und unerreichbar ist – Der Sohn eines erfolgreichen Managers eifert dem Vater nach, steckt sich die Ziele zu hoch, bezieht seine Niederlagen, zieht sich ganz in sein Zimmer zurück, um weitere Frustration zu vermeiden. Dies macht den Vater wahnsinnig, der den Grund dieser Sozialphobie nicht versteht, den Sohn nur kritisiert. Prüfungspanik, nervöse Beschwerden, Schlaflosigkeit, Erbrechen –  hinter all dem stehen Versagensängste. Haben auch die Eltern versagt oder sind sie mit ihrem Leben unzufrieden, dann nutzen Appelle an die Vernunft herzlich wenig. Helfen kann nur der Erfolg und der muss gelernt und trainiert werden.

 

 

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