Dreck ist gesund!

Seit Jahrzehnten tobt der Kampf ums Waschen, das Kinder meist überflüssig finden, während Eltern ihnen die Hygiene beibringen wollen, die die Medizin seit hundert Jahren zur Verhütung von Infektionen fordert. Nach neuesten Untersuchungen haben aber die Kinder Recht:
Bauernkinder, die mit viel Dreck aufwachsen, haben weniger Allergien und kaum Asthma
Hundebesitzer, die von ihrem Liebling ihre tägliche Portion Dreck abgekommen, leben um Jahre länger als Normalsterbliche
Wer sich vor Dreck nicht fürchtet und schon mal was Ungewaschenes schluckt, hat ein gesünderes Mikrobiom im Darm. „Darm mit Charme“ ist einer der größten Bestseller der letzten Zeit.
Wer sich nicht täglich duscht, hat ein gesünderes Mikrobiom auf der Haut.
Die Konsequenz daraus: Liebe deine Bakterien, denn sie trainieren dein Immunsystem und deinen Darm.

Sauberkeit ist das halbe Leben. Die tägliche Dusche macht den Menschen zum Menschen. Mit solchen und ähnlichen Sätzen machen konsequente Eltern ihre Kinder mit den Grundsätzen der Hygiene vertraut und ebenso konsequent versuchen Pubertierende, diese Grundsätze zu durchbrechen. „Duschen ist nur etwas für Warmduscher.“

Ein Vorschlag zur Güte in diesem familiären Konfliktfeld: Hygiene ja, aber mit Maß und Ziel. Wenn der Sohn sich jeden 2. Tag duscht, könnten wir es gut sein lassen.

Dabei bekommt der Sohn unerwartet Schützenhilfe: von seinem Dermatologen (Irgendwie muss man die Pickel ja loswerden.) Die tägliche Dusche ist gar nicht so gesund wie gedacht. Sie laugt die Haut aus und zerstört ihre schützende Flora.

Dann cremen wir sie halt wieder ein mit dem sündteuren medizinischen Balsam, den der Hautarzt dankenswerterweise dem Sprössling gleich mitverkauft hat.

Damit ich das recht verstehe, fragt der besorgte Vater. Wir waschen das natürliche Fett aus der Haut und tragen dann künstliches auf. Ist das wirklich notwendig?

Nein.

Sie könnten auch nur jeden 2. Tag duschen. Aber das haben Sie nicht von mir, ich will mir keine Schwierigkeiten mit der Ärztekammer einhandeln. Und außerdem ist meine teure Solution garantiert keimfrei.

Aha.

Man kann ja auch nicht ungeduscht ins Büro gehen. Und was würde dann aus unserer Kosmetikindustrie?

Man kann. Vor allem wenn man nur jeden 2. Tag ins Büro geht. Und den Geruch meiner Frau liebe ich, auch wenn sie nicht geduscht ist. Ob sie das genauso sieht?

Dunkel erinnere ich mich an meine Kindheit im vorigen Jahrhundert, als es noch gar keine Duschen gab. Man musste mit einem Vollbad die Woche auskommen. Und sich dazwischen Hände, Gesicht, Achseln und Scham waschen. Den Waschtisch meiner Großmutter halte ich heute noch in Ehren. Zu ihrer Zeit gab es nur einen Krug und ein emailliertes Lavoir, damit musste man sein Auslangen finden.

Wie haben alle Generationen vor mir das nur überlebt?

Hygiene ist zweifellos wichtig, das wissen wir seit Koch und Semmelweis. Also ganze 150 Jahre lang. Davor glaubten die Menschen des Barock, dass Wasser giftig sei und verwendeten deshalb Puder. (Mein Sohn sympathisierte lange mit den barocken Vorstellungen und gab oft nur vor, geduscht zu sein).

Warum Wasser statt Puder? Wegen der Bakterien. Und dem Geruch.

Warum hat uns die Natur dann mit so einem widerlichen Geruch ausgestattet, dass wir uns selbst nicht riechen können?

Hat Sie nicht. Unsere Schweißdrüsen produzieren genau so viel Flüssigkeit, wie für die Geruchskommunikation in der freien Wildbahn nötig ist, damit wir die richtigen Geschlechtspartner finden und die Befindlichkeit unserer Hordengenossen erkennen können. Ohne dass wir viel nachdenken müssen, weiß unsere Nase sehr schnell, wen wir riechen können und wer für die Zeugung gesunder Nachkommen die richtigen Gene hat. Genaugenommen besteht das Geruchsproblem erst, seit Menschen sich in geschlossenen Räumen aufhalten, wo der Wind unser Odeur nicht so schnell diffundiert. Seitdem brauchen wir ein Deodorant unter den Achseln, denn diese produzieren eindeutig zu viel des Guten.

(Warum kommt der strenge Geruch aus den Achseln? Weil alle Schimpansenartigen zur Abwehr von Feinden und Rivalen drohend die Arme heben und die schicken die chemische Keule gleich mit.).

Nach diesem historischen Exkurs kommen wir den hygienischen Notwendigkeiten langsam näher:

Hygiene verlängert das Leben, aber nicht unbedingt die Haltbarkeit der Haut.

Wer sich nie duscht, ist eine Zumutung für seine Umwelt.

Wer sich nur in geschlossenen Räumen aufhält, muss täglich duschen.

Wer sich gern im Freien bewegt, kommt vielleicht mit jedem 2. Tag aus.

Dreck ist gesund!
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