Die neuen Alten

Genieß deine Lebenszeit:
Weltweit läuft gerade der größte Feldversuch aller Zeiten. Was geschieht, wenn fast alle Menschen zu Methusalems werden?
Bis vor 100 Jahren erreichten nur ganz wenige ein biblisches Alter. Die galten als die alten Weisen, auf deren Erfahrung man gern zurückgriff. 2050 wird ein Drittel der Menschheit aus alten Weisen bestehen, die auf ein langes Leben mit vielfältigen Erfahrungen zurückblicken. Werden sie lernen, eine neue Gesamtschau zu entwickeln? Wird die Gesellschaft lernen, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden?

In allen Kulturen wurden die Alten geschätzt, denn ihre Erfahrung war notwendig für den Zusammenhalt des Stammes. Nur ein paar überlebende Alte konnten die Zeit überblicken und das alte Wissen weitertradieren. Wenn nun die Welt überaltert (bald sind 40% der Menschen über 60, und alle Zeitungen sehen darin die nächste drohende Katastrophe), dann deshalb, weil die globale Welt diese Expertise dringend braucht!

Einzelleistungen wandern zu Maschinen ab, aber die soziale und geistige Integrationsleistung der Generalisten wird immer dringender gebraucht, damit die Welt nicht auseinanderfliegt. Strukturelle Intelligenz, die aus der Rückschau auf ein langes Leben entsteht, wird zum neuen Trumpf. Deswegen ist es wichtig, dass wir neuen Alten uns an der Diskussion beteiligen und uns einbringen als Mentoren, Ideengeber und Vermittler. Wenn wir den Mut entwickeln, dem rechnerisch immer näher kommenden Ende des Lebens gelassen, aufrechten Ganges und mit einer guten Portion Neugier gegenüberzutreten, können wir ein freud- und friedvolles Leben führen. Wenn wir Frieden schließen mit uns und unserem Umfeld, mit Nichtgelungenem und Gelungenem, bleiben wir lebendig und neugierig, unterstützen damit den Kampf der Jungen für eine bessere Welt.

Aber was ist mit Gebrechlichkeit, Demenz und unfinanzierbarer Pflege? Kann sich die Welt die Heerscharen nutzloser Alter überhaupt leisten?

Auch für dieses Scheinproblem gibt es jede Menge wunderbarer Lösungen. Bereits 1970 besuchte ich in Syracuse im Staat New York ein neues Wohnprojekt, wo junge Familie und Alte Tür an Tür wohnten. Die Alten wurden ganz schnell von den Jungen als Leihomas und –opas adoptiert. Die jungen Eltern hatte jederzeit Babysitter, mehr Freizeit und weniger Stress. Die Alten blieben durch den Kontakt mit den vielen Kindern jung. Man half sich gegenseitig: die Jungen schleppten schwere Einkaufskörbe, die Alten hatten ein offenes Ohr für Sorgen und standen zu jeder Tag- und Nachtzeit als Privattherapeuten zur Verfügung. Bereits damals war ich von diesem Modell begeistert.

Nach demselben System gibt es viele Kommunikationsmodelle, die Jung und Alt zusammenbringen. In Holland dürfen Studenten kostenlos in Altenheimen wohnen, wenn sie sich regelmäßig mit den Alten beschäftigen und das ist bei den derzeitigen Mieten ein sehr attraktives Angebot. In Wien gibt es eine Agentur, die junge Untermieter an Alte mit großen Wohnungen vermittelt, zu günstigen Preisen versteht sich. Die Alten fühlen sich nicht mehr allein, es wird gemeinsam gekocht und gegessen, die Jungen sind erstaunt und interessiert, was die Alten so alles erlebt haben. In den USA zeichnet Regisseur Steven Spielberg mit seinen Mitarbeitern seit langem die Lebensgeschichten von Shoa-Überlebenden auf, damit deren Erfahrung nicht verloren geht. In Österreich schenken erwachsene Kinder ihren Eltern leere Tagebücher (Mama erzähl mal, Papa erzähl mal) die sie mit ihren Erinnerungen füllen sollen, damit ihre Enkel es einmal nachlesen können, wenn sie nicht mehr sind. Immer mehr Wissenschaftler begreifen, dass die Alten mit ihren Lebensläufen riesige Bibliotheken sind, die man zeitgerecht erfassen muss, um die soziologische Datenbasis ständig zu vergrößern.

Den jungen, gesunden Alten ist das aber alles viel zu langweilig. In der Generation 60+ läuft derzeit ein riesiger Feldversuch in selbstbestimmtem Leben. Endlich können sie all das tun, wozu sie ein Leben lang nicht gekommen sind, wegen Kinderbetreuung, Geldverdienen, Hausbauen und was auch immer. Viele haben sich etwas aufgebaut und wollen es jetzt genießen. Sie machen Reisen und sind die zahlungskräftigsten Kunden der Reisebüros. Manche treiben endlich Sport und laufen als 80-jährige einen Marathon. Andere schreiben, malen, musizieren und dürfen endlich kreativ sein. Wie Stieger (Freitätigkeit) schreibt, braucht jeder Pensionist einen sinnstiftenden Lebensinhalt, um glücklich zu sein, und spätestens nach dem durchlebten Pensionsschock suchen alle danach. Was macht mich glücklich, was finde ich toll? Das könnte ich jetzt doch den ganzen Tag machen!

Derzeit läuft auch ein riesiger weltweiter Feldversuch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Denn die Pension ist genau das. Man braucht sich um sein Geld keine Sorgen zu machen, das kommt jeden Monat aufs Konto. Wenn man viel gearbeitet hat, reicht die Pension für Essen und Wohnen aus und jeder Tag gehört einem ganz allein. Faulsein wird ganz schnell langweilig und man will sich nicht überflüssig fühlen, denn das verkürzt das Leben und fördert die Demenz. Also was könnte ich tun, um mich glücklich und wichtig zu fühlen?

Natürlich können wir Alten punkto Geschwindigkeit und Reaktionsschnelligkeit mit den Jungen nicht konkurrieren. Wir haben aber ganz andere Fähigkeiten, die alle Kulturen unter dem Stichwort Weisheit zusammenfassen. Weisheit heißt nicht dass wir bessere Menschen sind  –  wir haben aber die bessere Gesamtschau. Viele Gesetzmäßigkeiten kann man erst erkennen, wenn man eine Datenbasis von 70 Jahren und die entsprechende Fülle an Erlebnissen hat. Beeindruckend ist etwa das Leben von Israel Kristal, geboren 1903 in Polen, von den Deutschen im Ghetto eingesperrt, 1945 in Auschwitz mit 36kg befreit, ausgewandert nach Haifa und 2016 vom Guinness-Buch der Rekorde zum ältesten Mann der Welt erklärt. Der Mann steckte Hitler, Stalin und alle anderen Politiker des 20. Jhdt. in die Tasche und hatte seinen Enkeln und Urenkeln jede Menge zu erzählen.

Wir Alten werden bald die Mehrheit der Menschheit sein (in Japan ist das jetzt schon so). Die Jungen werden weniger und ihre Fähigkeiten werden von der künstlichen Intelligenz der Computer übernommen. Die Fähigkeit der kritischen Generalisierung und Analogiebildung wird aber noch lange eine menschliche Aufgabe bleiben. Israel Kristal konnte zweifellos von den zeitgebundenen Moden der Monarchisten, Faschisten und Kommunisten abstrahieren und aus den Erfahrungen des 20. Jhdt. die Essenz der conditio humana destillieren. Deswegen liebten ihn seine Enkel und allein dafür zahlte sich sein langes Leben aus.

Wenn wir den Medizinern glauben wollen, wird es bald viele Hundertjährige, ja sogar 130- und 140-jährige geben. Endlich haben wir dann die Datenbasis für Langzeitstudien, die für viele Themen das einzige Erkenntnisinstrument sind. Ein derart langes Leben wird uns zwingen, unsere Perspektive immer wieder zu wechseln, damit uns nicht langweilig wird. Da die Falsifizierung der einzig sichere Pfad der Wissenschaft ist, werden die Neuen Alten noch sehr viele Falsifizierungen vornehmen. Sollte ich mit meinen 64 Jahren noch 40 Jahre leben (das ist durchaus im Bereich des Möglichen), dann werden wahrscheinlich alle Erkenntnisse von heute Schnee von gestern sein. Allein das ist ein Grund, warum ich, wenn irgendwie möglich, 100 Jahre alt werden möchte.

mehr dazu in: https://www.amazon.de/2100-Die-neue-Welt-Zukunft/dp/1984056387/ref=sr_1_9?s=books&ie=UTF8&qid=1517946467&sr=1-9&keywords=opelt+r%C3%BCdiger

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